Großbritannien

Das Schulwesen in Großbritannien

Das Englische Schulsystem ist eines der Besten
der Welt, wenn man es überlebt!
“ Peter Ustinov

Schulsystem in England

Das ganze Schulwesen Großbritanniens darzustellen, benötigt mehrere Abhandlungen, wie etwa über Scottland, Nord Irland, … und eventuell weitere Staaten in Commonwealth, aber in diesem Aufsatz wird vor allem das englische Schulsystem untersucht und dargestellt.

Über ein Thema wie etwa „Schulwesen in Großbritannien“  zu schreiben, gibt es keinen anderen Weg als zunächst über die Aufklärung in England zu reden. Denn die Aufklärer haben sich mit dem Thema Erziehung intensiv beschäftigt, vor allem John Locke (1). Seine These geht davon aus, dass das menschliche Bewusstsein tabula rasa (2) ist, daher hat er der Früherziehung große Bedeutung zugemessen. Hier könnte man von der Geburtsstunde der modernen Pädagogik sprechen, allerdings wenn Locke von Kindern spricht, meint er die männlichen Nachkommen des Adels im Vereinigten Königreich. Heute liegt die Lebenszeit dieser Früherziehung als Vorschule bis fünf Jahre alt. Mit fünf Jahre alt ist jedes Kind schulpflichtig. England, neben Wales und  Holland hat das niedrigste Schulalter für den Beginn der Schule in Europa. Jedes Kind hat Anspruch auf einen kostenlosen Platz in Einrichtungen von early education, täglich fünf Tage der Woche je 2 bis 2 ½ Stunden. Fast alle vierjährigen Kinder besuchen eine vorschulische Einrichtung. Die Dreijährigen nehmen eher private Angebote. Ab vier Jahre alt wird eine Vollzeiteinrichtung nursery school besucht, i. d. R. ist der begriff Kindergarten aus dem Deutschen übliche Form für die Bezeichnung dieser Kinderbetreuung. Alle Einrichtungen unterliegen der staatlichen Standardisierung. In England sind die Angebote der Kinderbetreuung vielfältig, wie etwa crèches (Krippen), Toddler-Groups (Kleinkindgruppen), Preschool und Playgroups (Vorschul- und Spielgruppen), Childminder (Tagesmutter), Home Childcarer (Heimische Kinderbetreuung), Nanny (Kindermädchen), neighbourhood nursery (Nachbarschaftskindergarten) und nicht zuletzt nursery schools (Kindergarten). Hier darf die Übersetzung dieser Begrifflichkeiten nicht zum Irrtum führen, als ob diese Einrichtungen genauso sind, wie in Deutschland. Das ist nur ein Versuch, die Vielfältigkeit zu demonstrieren.

Tabelle des englischen Schulsystems

Tabelle des englischen Schulsystems

Nursery school ist die staatlich standardisierte Einrichtung für Schulvorbereitung, neben solchen Einrichtungen gibt es auch reception classes, die man als Vorschulklassen verstehen kann. Diese Vielfalt der Früherziehung ist die Kehrseite des englischen dezentralen Schulwesens.

Ende 90er Jahre hat man das Programm Early Excellence für eine bessere kindergerechtere Erziehung der Kleinkinder und bessere Unterstützung ihrer Familie gestartet. Early excellence ist wiederum ein Teil von Sure Start programmes. Die early excellence centres sollen alle Kräfte in einem Ort für Rat und Tat bündeln. Dazu kommen die kostenlosen Aktivitäten, die die einkommensschwachen Familien für bessere pädagogische Kinderbetreuung unterstützen. Andere Zielgruppen von early excellence sind Erzieher, Lehrer und Pädagogen für qualitativ bessere Ausbildung. Ein wichtiger Aspekt dieses Programms war der Hintergrund, dass 1/3 aller Kinder in Großbritannien Ende 90er Jahre in Armut gelebt hatten. Ofsted (3) ist die institutionalisierte Autorität, die regelmäßig diese early excellence centres überprüft und beaufsichtigt. Diese Zentren werden peu á peu in Children’s Centres umgewandelt. Dieses politische Programm hat landesweit besonders die sozial wie wirtschaftlich benachteiligten Familien unterstützt, z. B. für die Eltern in Ausbildung, arbeitsuchende Eltern. Die Angebote von Children’s Centres sind große Entlastung der Familien auch wenn u. a. als Familienberater fungieren. Diese Zentren erstellen den Kindern ein Gutachten nach der verbindlichen Grundlage von national curriculum, das Gutachten soll die Informationen über das Kind dem Grundschullehrer vermitteln und den Beginn der Grundschule erleichtern.

London in der Nacht

Seit anfangs 2000 ist National Curriculum das von staatlichen Qualifications and Curriculum Authority (QCA) gesetzte Maßstab. „Ziel dieses Curriculums ist die Förderung der geistigen, moralischen, kulturellen und körperlichen Entwicklung der Schüler/innen innerhalb und außerhalb von Schulen und vorschulischen Einrichtungen. Sie sollen auf die Möglichkeiten und Erfahrungen sowie ihre Verantwortungen in ihrem späteren Leben vorbereitet werden.“(4)

Durch die Vielfalt der Angebote kann die Erziehung des Kindes in die Gefahr laufen, dass sich die Eltern finanziell die meisten Angebote nicht wahrnehmen können, oder die Qualität der Angebote nicht dem besagten Standard entsprechen, dort können die staatlich geförderten Institute wie early excellence centres große Hilfe leisten, besonders in Ballungsgebieten und Vielzahl der Bürger mit Migrationshintergrund.

Man kann behaupten, dass die britische Regierung seit 1998 großen Fortschritt für die Früherziehung gemacht hat. Besonders hell funkeln sie im Thomas Coram Children’s Centre, einem der Vorzeigeprojekte britischer Bildungspolitik. Wie immer beginnt der Tag hier mit der gemeinsamen Begrüßung: »Good morning, Sabah el kheir, Buenos días, Namaskar…« Aus zwei Dutzend Nationen stammen die Kinder. Das verlängert das Morgenritual, da jedes Kind in seiner Muttersprache empfangen wird. Knapp zwei Drittel der Ein- bis Vierjährigen stammen aus Migrantenfamilien. Und viele der englischen Jungen und Mädchen kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, in denen Arbeitslosigkeit und Armut zu Hause sind.“ (5)

Mit fünf Jahre alt beginnt in England die Schulpflicht. Bis 11 Jahre alt bleiben die Kinder in der Grundschule. Dann gehen Sie in die nächste Schule für 5 Jahre, bis sie ihren ersten Abschluss absolviert haben. Nach diesem Abschluss hat ein Schüler zwei Möglichkeiten, entweder geht er einem Beruf nach, oder setzt seine Schule vor, in diesem Fall kann er mit 18 Jahre alt sein Abitur A Level Exams machen. Nach dem Abitur kann der Schüler einen universitären Weg einschlagen. In einer englischen Schule gibt es kein Sitzenbleiben. Der Unterricht in England dauert einheitlich 70 Minuten.

In Großbritannien soll man von vier Schulsystemen sprechen. Man findet in England, Wales,  Nordirland und Schottland eigenständiges Schulsystem. Im Grunde sind die drei Gebiete orientiert auf Allgemeinwissen und im letzteren auf Fachwissen. Nach der primary school gehen die Schüler in secondary school, diese Art Schule hat drei Sorten: comprehensive school (entspricht ungefähr der deutschen Gesamtschule), grammar school (selektives System und kostenlos) oder public school, welche Privatschule ist und in der Regel selektiv aber mit enormen Kosten verbunden.

Eine Selektion findet in der comprehensive School nicht statt. Es gibt drei Gruppen, die sich nach dem zweiten Jahr in der Schule bilden. Gruppe 1 und 2 verlassen die Schule, um einem Beruf nachzugehen. Die dritte Gruppe bleibt und macht ihre A-Levels- Exams, entspricht dem deutschen Abitur. A-Levels werden in zwei bis vier Fächer durchgeführt. Die Fächer wählen die Schüler. Alle Schuler nehmen an Prüfungen General Certificate of Secondary Education (GCSE) teil. Erst dann werden sich die Schüler für ihre weitere Schulkarriere entscheiden. Die Schulnoten sind von A (Sehr gut) bis G oder U (wie etwa 6 in Deutschland)

A B C D E U
1,0 1,75 2,5 3,25 4,0 6,0

Tabelle der deutschen und englischen Noten.

General Certificate of Education (GCE)

Dieser Abschluss entspricht dem deutschen Fachabitur. Die GCE-Exams werden von Examination Boards zusammengestellt und ausgewertet nach staatlichen Lehrzielen. Die Auswahl der Examination Board ist der jeweiligen Schule überlassen. Das Benotungsystem ist modular (modules) aufgebaut. Die Endnote in einem Jahr besteht aus Ergebnissen der einzelnen Module, welche auch manchmal in kleineren Einheiten (units) unterteilt sind. Die Prüfungen sind in der Regel schriftlich und landesweit gleichzeitig morgens (morning exams) oder nachmittags (afternoon exams).

In dem englischen System dürfen die Schüler ihre Prüfungen wiederholen genauso wie anfechten. Diese Korrektur kann zwei Formen haben, wie Prüfung auf Vollständigkeiten re-check, oder inhaltlich re-marking.

Die Schulferien beziehen sich auf den Schulzyklus, nämlich Terms. Diese holidays sind Autumn Half Term (Herbstferien), Weihnachten und Neujahr die Christmas Holidays, Spring Half Term (Frühjahrferien), Ostern mit Easter Holidays und natürlich auch der Summer Half Term und später Summer Holidays (Sommerferien) für ca sechs Wochen. Public Schools haben normalerweise mehr Ferien als State Schools. In den britischen Schulen existieren eine Reihe von Regelwerken, sogenannte sets of rules.

Das englische Schulsystem ist eher integrativ im Gegenteil zu den üblichen Kino bezogenen Vorstellungen. Hier ist die Schuluniform Pflicht. Neben dieser Pflicht besteht die Koexistenz wie etwa: die jungen Sikhs dürfen ihren Turban tragen oder die moslemischen Mädchen ihr Kopftuch. Der Respekt vor dem Lehrer wird weiterhin als Tugend anerkannt. Die außerschulischen Aktivitäten, welche die Schule organisiert, sind selten zu erfahren.

In England können die Schüler eine weitere Oberstufe in der Schule besuchen, sogenannte Sixth Form. Sixth Form college dauert zwei Jahre und ist eine Art Vorbereitung für die Universität. Anschließend werden A-Level-Exams abgelegt.

Die Schulen werden in England staatlich finanziert. Die von religiösen Gruppen betriebenen Schulen erhalten staatliche Unterstützung, sie verpflichten sich aber auch dem National Curriculum. Nur Public Schools erhalten keine staatliche Finanzierung, dafür zahlen die Eltern große Summen als Schulgebühren.

Im Alter von 16-18 können die Schüler ihre Ausbildung abschließen, u. a. können sie einer Berufsausbildung nachgehen. Wenn sie ihr Abitur gemacht haben, können sie an die Universität gehen. Der erste Abschluss ist i. d. R. Bachelor (first degree) und dauert drei Jahre. Der nächste Schritt ist Master nach zwei bis drei Jahren. Die Promotion (PhD) endet das Studium an der Universität nach drei Jahren.

Das Studium ist in England in drei Stufen aufgebaut: nach drei Jahren ist der Abschluss Bachleor of Arts (BA) oder Bachelor of Science (BSc). Ist das Studium mit einem Praktikum o. ä. begleitet, verlängert sich das Studium auf ein Jahr mehr. Nach dem Bachelor’s kann ein Student nach einem Jahr oder zwei Jahren Master Degree erreichen, dann wird das Studium mit einer Promotion als Doktorand abgeschlossen.

Schulsystem in Schottland

Die schulische Zeiteinheit in Schottland ist Term und ein Schuljahr besteht aus drei Terms, immer vom August bis Ende Juni. Vor der Zeit der Grundschule gibt es in Schottland eine kostenlose allgemeine Vorschule, Pre-School Education. Diese Vorschule wird durch Behörden, ehrenamtliche Tätigkeiten und Sponsoren organisiert. In der Regel besuchen die Kinder im Kindergartensalter jeden Tag diese Vorschule je 2-3 Stunden.

Die Grundschule oder Primary school beginnt mit 5 und dauert bis 12 Jahre alt an, die Schuljahre sind mit Primary 1 (P1) bis P8 durchnummeriert.

Die nächste weiterführende Schule ist secondary school, die oft high school genannt wird. Bis sechziger Jahre bestand das schottische Schulwesen aus drei weiterführenden Schulen. Dann aber wurde das Schulsystem auf die Gesamtschule, oder Comprehensive School, umgestellt. Die Richtlinie des Schulsystems in Schottland kommt von LTS oder LT Scotland (Learning and Teaching Scotland)In der Regel beginnen die Schulen in Schottland um 9:00 und geht um 15:30 Uhr zu Ende. Ein warmes Mahlzeit, lunch, wird in den Schulen angeboten. Der Unterricht dauert 50 bis 55 Minuten. Genau wie in der Primary school werden auch in der Secondary School die Schuljahre mit Secondary 1 (S1) durchnummeriert und ist mit S6 beendet. Die Schuluniform ist in Schottland eine Pflicht. Die Schulen bestimmen nur die Farben der Schuluniform.

Edinburgh castle

Primary school beginnt mit 4 ½ oder 5 ½ Jahre alt, abhängig von dem Geburtstag des Kindes. Primary school dauert 7 Jahre. In Schottland existiert kein vergleichbare Sixth form colleges, deshalb ist die Schule ein Jahr kürzer als in England.

Schulzyklus im Vergleich

Seit 2004 wird an einer Bildungsreform, nämlich Curriculum for Excellence gearbeitet. Alle Schulzeugnisse in Schottland sind ein Bestandteil von Scottish Credit and Qualifications Framework. Die Schule in Schottland ist mit Highers oder S5 zu Ende. Die Schüler, die S6 oder Advanced Highers besuchen, haben damit Hochschulreife erreicht. Die Fächer der Secondary schools sind Modern Languages (Auswahl unter Französisch, Spanisch, Italienisch), History, Technical Education, Information Technology, Physical Education, Social Education, Science, Sport, Art, Geography, Mathematics, English, Modern Studies (entspricht der Politikwissenschaften), Home Economics (wie etwa Betriebswirtschaft), Religious Education, Music. Die Mathe und Englisch bleiben Pflichtfächer inkl. einer Fremdsprache.

Neben dem öffentlichen Schulen existiert die Privatschule, Public schools, sie sind vom nationalen Programm befreit aber dennoch müssen diese Privatschulen die staatlichen Prüfungen durchführen. In Schottland gibt es noch eine weitere Schulart, die sich nur durch die gälische Unterrichtssprache von den anderen unterscheidet.

In Großbritannien wird keine Klasse wiederholt, sondern die Kurse sind bestanden (passed) oder nicht bestanden (failed). Demzufolge kann der nächste aufbauende Kurs nicht belegt werden, wenn der Basiskurs failed ist.

The University of Glasgow – The Memorial Gates

Einwanderer und Schule

Die britische Gesellschaft ist schon längst ein Zuwanderungsland und sie hat vor allem diese Tatsache verstanden und akzeptiert. Alleine 2005 war ein Zehntel der Bevölkerung ein zugewanderter Bürger und ein Fünftel der Schüler gehören einer ethnischen Minderheit. Zwischen den Kindern der „Einheimischen“ und der Zuwanderer sind sehr geringe Schulleistungen zu verzeichnen. Bei der weiterer Generation steht die Schulleistung und sozialen Herkunft in einem Zusammenhang aber nicht mit dem ethnischen. Das höchste Amt zuständig für Schule, Immigranten und Integration ist Ethnic Minority Achievement Grant (EMAG). Das Überwachungsorgan ist das Office for Standards in Education (Ofsted). Das Ofsted überprüft, wie die Schulen ihre Finanzmittel eingesetzt haben und wie die Ergebnisse und Ziele erreicht worden sind.

Für die Bildungspolitik ist das Ministerium für Erziehung und Beschäftigung (Department for Education and Employment, DfEE) zuständig. Die Organisation der Schulen ist zentralisiert und regional sind die Befugnisse beschränkt. Das Schulsystem ist nur Ganztagssystem und bis 16 Jahre gilt allen eine Form der Schule. Ein großartiges Projekt mit der erfolgreichen Integrationspolitik im Bildungswesen in England ist Education Leeds. Diese Stadt Leeds hat mit zahlreichen Programmen aus einem gesellschaftlichen Problem eine Erfolgsstory gemacht.

Die Fremdsprachen sind momentan ein aktuelles Problem des britischen Schulsystems, zumal eine Fremdsprache als Pflichtfach nur im Alter zwischen 11 bis 14 Jahre existiert. Mit dem Programm National Languages Strategy will die britische Regierung seit 2004 dagegen wirken.

Internate oder Boarding Schools

Die britischen Internate, Boarding Schools, genießen einen guten Ruf nicht zuletzt in Deutschland und nicht nur wegen James Bond 007 oder Tony Blair. Wieweit der Ruf und die Tatsache übereinstimmen, sind wohl ein kleines Forschungsthema. Was Deutschland betrifft, haben die britischen Internate oder Boarding Schools gutes Marketing eingesetzt. Die Internatberatung ist eine boomende Branche geworden. Allerdings bestehen Internate nicht immer – wie vorgestellt wird – aus großem Park, altem Schloss als Schulgebäude und international anerkannten Lehrkräften oder Zertifikaten. Wie auch immer diese Art Schule sein mag, lässt sich fragen, was die Eltern dazu bewegt, ihre Kinder in eine Internat zu schicken. Die Internatschüler aus Deutschland in England gehören zu einer großen Schülergruppe aus dem Ausland.

Fettes College – Ausbildungsstätte Tony Blairs

Die Gründe, warum es Eltern gibt, ihren Kindern einem Internat zu überlassen, sind genauso vielfältig, wie die Anzahl der Internate letzter Zeit. Das Internatswesen ist kein neues Phänomen, in unserer Zeit ist aber die Lösung für viele Familie geworden, sich oder ihrem Kind aus der Misere des Schulsystems zu befreien. Hauptsächlich stellt sich ein Internat so dar, dass es folgende Eigenschaften hätte: Besser Lernbedingungen, hervorragendes Fachpersonal, großes Fächerangebot, modernste technische Ausstattung, zukunftsträchtige Fächerangebot, anerkannte Abschlüsse, Networking und nicht zuletzt  höheres Ansehen. (6) Hier muss man sich desillusionieren. Überwiegend beziehen sich solche Argumente auf die finanziellen Möglichkeiten solch eines Internats, einiges sind subjektives Urteil, die Eltern sind aus einer wohlhabenden Sozialschicht, die sich die Leistungen und vermeintliche Qualitäten kaufen kann. Es mag sein, dass ein Internat solchen Familien der bessere Weg scheint, aber lässt sich nicht verallgemeinern, im Gegenteil. Dazu kommt natürlich die Auffassung über den Staatswesen, wenn wir die Schule eine Aufgabe des Staates sehen, dann ist er verpflichtet, eine zeitgemäße Schule anzubieten. Über die Kinder, die ihre Schulzeit in einem Internat verbracht haben, vermag dieser Beitrag nicht zu diskutieren.

Der Dachverband von britischen Internaten ist ISC (Independent Schools Council), nach ihren Angaben besuchen 80% der Internatschüler, oder Pupils, eine Schule, die der ISC zugehört. Die Schüler sind ca 630,000 in 2600 Schulen, entsprechen 6.5% aller Schüler in UK von 0 bis 18 Jahre alt. In 2009 waren 13,2% aller ISC-school pupils in Internat als boarding pupils. Wenn ein Schüler aus Deutschland nach Großbritannien in eine boarding school geht, können die Eltern mit durchschnittlichen Gebühren zwischen 6 bis 9 tausend Pfund rechnen, wobei die Gebühren sich stark nach den Eigenschaften der Schule variiert. In der Regel gehen die Schüler aus Deutschland nach England für einen Term nach der 10. Klasse. Außer der Annahme der Eltern, dass die Qualität der englischen Schule einen gehobenen Level hat; die Eltern gehen davon aus, dass die englischen Sprachkenntnisse in der Epoche der Globalisierung schon ein Muss geworden ist, deshalb ein Internat die geeignete Lösung sei. Die Internate in England sind nicht mehr die finsteren Anstalten wie man aus der Literatur kennt, sondern sie sind moderne Einrichtungen mit digitale wie auch sportive Anlagen. Diese Qualität der Schulausbildung hat einen hohen Preis, den nur eine schmale Schicht in Deutschland sich leisten kann, z. B. die Gebühren in Fettes p. a. sind über 22,000 Pfund (ca. 34000 €), das ist auch nicht alles, es gibt weitere Kosten, wie etwa Taschengeld, Flüge,…

Die Schuluniform ist auch im Fettes College Pflicht wie in anderen Schulen. Neben der Schuluniform sind Manier und Respekt groß geschrieben. Körperliche Nähe, Küsse, Händchenhalten und natürlich Sex im Schulbereich sind verpönt und hat Konsequenzen. Ein Schüler aus Deutschland muss sich große Anstrengungen vornehmen.

Die Betreuung der Kinder hat einen gemeinschaftlichen Charakter. Die Kinder werden gefordert wie gefördert, ggf. auch bei den Hausaufgaben. Die Häuser werden von Housemaster bzw. Housemistress betreut, die wohl gut ausgebildet sind, mit einem universitären Abschluss vielleicht aus Oxford oder Cambridge!

Eine Entscheidungshilfe für viele Eltern, zu welcher Schule sie ihre Kinder schicken, ist die Schulrangliste, solche Listen werden von den Zeitungen aus der Statistik der Schulen veröffentlicht. Nicht nur der Level vom Unterricht sondern auch sportliche Aktivitäten oder künstlerische Leistungen sind die Kriterien für die Förderung. Nicht zuletzt kommen auch die Feierlichkeiten, Disco, Abendsanlässe in Betracht, damit wollen diese Schulen ihre Klassen als british education and knowledge erreichen, u. a. fürs Leben und späteres Berufsleben.

Deutsche in UK-Schools

Nicht nur Harry Potter ist der Botschafter der edlen british Schools, sondern die schlechte Qualität der deutschen Schulen bringen viele auf die Idee des Schulbesuchs im Ausland, was an sich sehr gut ist, aber nicht in der Form als Ersatz. Das Alltagsprogramm einer Privatschule ist recht straff und manchmal bis 9 Uhr abends eingeplant. Interessanterweise wird diese Strenge in den Schulen nicht als nachteilhaft wahrgenommen, wenn auch wahrscheinlich dieselben Familien und Kinder in Deutschland dagegen protestieren würden. Nicht nur die Schule und ihr Ruf sondern auch ihre Schuluniform sind identitätsstiftende Faktoren, die man in Deutschland nicht erleben kann und will. Das sogenannte „Wir-Gefühl“ ist in den englischen Schulen stark geprägt. Dazu kommt die Vielfalt der Aktivitäten außerhalb des Unterrichts, von Sport, Musik bis soziales Engagement.

Heutzutage wollen die Kinder sogar ihren Schulabschluss in Großbritannien in der Form von International Baccalaureate machen, zumal dieser Weg eine Alternative zu G8-Gymnasium geworden ist, nicht weil der G8-Schulabschluss schlecht wäre, sondern weil das deutsche Schulsystem keine Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt den Schülern zulässt. Darüber hinaus gilt die schlechte Betreuung der Studenten mit den unbeliebten Bachelorstudiengängen nicht an dem Abschluss, wie immer suggeriert wird; in Deutschland wird ein Professor ca 60 Studenten betreuen, in England aber 18. Dieser Qualitätsunterschied ist im gesamten Bildungswesen präsent. Es ist nicht verwunderlich, wenn die Anzahl der german pupils sich jährlich um 10% erhöht.

Internat – das gelbe vom Ei?

Religionsunterricht in der Schule

Der englische Grundsatz des Religionsunterrichts ist, dass jedes Kind unabhängig von seiner Religion einen mit den anderen Kindern gemeinsamen Religionsunterricht zu bekommen. „Mishmash“ heißt es bei den Kritikern. Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen ein „multireligiöser“ Unterricht. Das System will nicht, dass die Kinder getrennt voneinander nach Ihren Konfessionszugehörigkeiten den Unterricht erhalten, sondern gemeinsam miteinander und voneinander lernen. Die britische Gesellschaft legt den Wert auf den pluralistischen Kernpunkt, in dem die Religion keine Ausnahme bildet. Die Kinder sollen über verschiedene Religionen nicht nur informiert werden, sondern auch ihrer existenziellen Fragen nachgehen. Das Kind soll sich soweit entwickeln, dass später friedlich und in Freiheit mit Andersgläubigen leben kann. Warum in Großbritannien nicht die Ethik als Unterrichtsfach den Religionsunterricht ersetzen kann, liegt überwiegend an der Staatsform und Staatskirche, Church of England ist für das politische Staatsgebilde ein historischer Faktor.

Religionsunterricht, eine Staatsaufgabe?

Schon in den 70er Jahren hat man festgestellt, dass die Einwanderung in der Gesellschaft die Zukunft mitformiert. Die Einwanderer kommen wiederum mit ihren eigenen Glauben und Religionen. (7) Wie bereits auf John Locke hingewiesen, reflektiert sich u. a. die gesellschaftliche Entwicklung in der Gestaltung des Religionsunterrichts. Die englische Kirche ist eine Staatskirche und der Staat hat schon die pluralistische Situation des Landes verstanden, aber dennoch bleibt die Frage offen, wieweit kann und darf die Religion in Schulen unterrichtet werden, obwohl diese Unterricht für alle gedacht sei. Die Lehrer müssen ein breites Wissen beweisen und große Sensibilität, wenn die unterschiedlichen Glaubensrichtungen sich im Unterricht treffen, selbst wenn es auch von und mit Kindern sein kann.

In  England und Wales gibt es einen nationalen Lehrplan, sogenannte Model Syllabus, aber Local Education Authority (LEA) ist dem Lehrplan nicht verpflichtet. LEA gestaltet eigenständig den Religious Education, dieser Lehrplan nennt man Agreed Syllabus.

Nach der Education Reform Act 1988 ist der Religious Education für alle Schüler und Schülerinnen ein Pflichtfach, allerdings ist auch ein gemeinsames Morgensgebet (Daily Act of Collective Worship) wie ein Pflicht und die beiden haben eher eine christliche Form, die in den Reformdokumenten erwähnt worden sind.

Diese Reform hat National Curriculum eingeführt. Nach diesem Nationalen Lehrplan hat man Bildungsstandards festgelegt, wobei Religious Education nicht „standardisiert“ wurde. Diese Reform hat natürlich einen politischen Hintergrund. Das englische Bildungswesen hat die Regierung Margaret Thatcher nach der neoliberalen Weltordnung neu formiert, aus dieser Perspektive ist Education Reform Act ein Produkt der Ära Thatchers. Religious Education bleibt weiterhin eine gesellschaftliche Frage, die nicht einfach in einer mehr oder weniger pluralistischen Paradigma zu beantworten ist. Die britische Schule an sich wird sich in der Zukunft mit der obligatorischen Religious Education und Secularisation beschäftigen müssen. %

Notizen

(1) John Locke, englischer Philosoph (1632-1704), hauptsächlich hat er über die Staatstheorie geschrieben. Seine politische Philosophie hat einige Verfassungen der Staaten in der Moderne beeinflusst.

(2) Tabula rasa (Latein), bedeutet „leere Tafel“ oder im weiteren Sinne „weißes Blatt“

(3) Ofsted: Office for Standards in Education

(4) Hensgen Michaela, Vorschulische Erziehung und Betreuung in England und Wales, in: Kindergartenpädaqogik, Online-Handbuch, Hrg.: Martin R. Textor: http://www.kindergartenpaedagogik.de/

(5) http://www.zeit.de/2004/49/B-Kindergarten-England

(6) http://www.intedu.de

((7)”Auf Akzeptanz für einen bestimmten Glauben oder ein Glaubenssystem zu drängen, ist die Pflicht und das Privileg der Kirchen und ähnlicher religiöser Körperschaften. Es ist jedoch nicht die Aufgabe eines Lehrers in der öffentlichen Schule.” (In: J. M. Sutcliffe (1984): A Dictionary of Religious Education, S. 154)

weitersagen:

  • Print
  • PDF
  • email
  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Netvibes