„Manche Maler machen aus der Sonne einen gelben Punkt.
Andere machen aus einem gelben Punkt eine Sonne.“
Pablo Picasso
In keinem anderen Lebensbereich reflektieren sich gleichzeitig so viele Elemente aus dem gesellschaftlichen Kontext, der praktizierenden Staatstheorie, wie auch mit Wirtschaftsinteressen, wie im Schulwesen. Es wäre naiv, wenn wir in der Untersuchung des Schulsystems und der Zulässigkeit des Religionsunterrichts nur aus einem religiös-ideologischen Aspekt die Schule erforschen. Hier scheint erforderlich zu sein, zunächst einen Exkurs in die Begrifflichkeiten vorzunehmen. Vor allem ist es wichtig vor Augen zu halten, dass die Missstände im Schulwesen den Charakter des Dominoeffektes erreicht haben. Wenn die Frage des Religionsunterrichts beantwortet ist, dann ist erst der Beginn einer strukturellen Veränderung der staatlichen Schule überhaupt.
Laizismus
Der Laizismus ist ein staatlich-rechtliches Modell, in dem der Staat und die Religion streng voneinander getrennt sind, d. h. in staatlichen Einrichtungen und Institutionen keinen religiösen Einfluss ausgeübt werden darf.
Dieser Begriff kommt vom griechischen λαϊκισμός mit der Bedeutung „nicht-geistliche“, also Laie. Der Laizismus wurde vom französischen Pädagogen Ferdinand Buisson geprägt. Im Jahre 1946 wurde das Prinzip der laïcité in die Verfassung aufgenommen. Seitdem ist die Republik Frankreichs gesetzmäßig république laïque. Der Laizismus ist eine prozessartige Entwicklung gewesen. Im Jahre 1804 wurde Code Civil von Napoléon Bonaparte verkündet. In dieser Zeit wurden einige Gebiete von der Kirche auf den Staat übertragen, wie etwa Standesamt, Eheschließung, Ausbildung an Universitäten, gleich wird die Religion als legitim vom Staat anerkannt. Ab 1808 sieht der Staat unter dem Napoléon alle Religionen gleich bzw. gleichgültig, so eine pluralistische Interpretation des Glaubens in der Gesellschaft. Nach der Dreyfuss-Affäre und aufgrund der Grundeinstellung der katholischen Kirche, besonders ihres Antisemitismus, hat sich der Staat von der katholischen Kirche befreit und aus dem Prinzip der Neutralität wurden alle Religionen gleichermaßen gesetzlich aus dem Staat entfernt. In dieser Zeit wurde das Schulwesen konfessionsfrei neu gestaltet. Am 9 Dezember 1905 wurde das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat verabschiedet und die Kirchenangehörigen durften nicht mehr unterrichten. Die Religion wurde vor allem zur Übernahme ihrer Rolle als private Sache geführt. Die Schule ist der zentrale Ort des Laizismus geworden, auch im laizistischen Prozess wie heute. Historisch hat das Kreuz in der Schule schon eine wichtige Rolle gespielt, denn im laizistischen Prozess wurde das Kreuz als Allegorie der bis dahin herrschenden Religion aus den Schulen entfernt, ebenso wie die Lerninhalte und Lernbücher. In den 1880er Jahren sind die Schulen in Frankreich fundamental laizistisch umorganisiert. Statt dem katholischen Religionsunterricht wurde Moral unterrichtet. In dieser Epoche hat Jules Ferry der französische Bildungsminister eine entscheidende Rolle gespielt. Bei der Entwicklung des Begriffes gab es wohl Uneinstimmigkeiten, aber heute alles was nicht religiös ist und mit der Gesellschaft zu tun hat, ist laïque. Die politische Ergänzung zum Laizismus, die logisch erschient, ist die Neutralität des Staates allen Religionen gegenüber. Der Staat ist weder einer Religion noch ihrem Klerus verpflichtet. Historisch-philosophisch gesehen ist der Laizismus die logische Folge der Kant’schen Philosophie. Der Staat verbindet die Menschen in einer Einheit und ist allen seinen Bürgern gleich und neutral. Diese verbindende Einheit ist die Ausbildung, welche einen pluralistischen Charakter hat. Der Laizismus muss gleich das Recht der Individuen anerkennen, wenn sie in privaten Sphären religiös wie auch aus sozialen Gründen anders leben und erleben möchten. Der Laizismus ist im Grunde genommen eine zivile Herausforderung, die seit der Französischen Revolution aufgestellt worden ist. Die Idee der Republik kann nicht ohne Existenz des laizistischen Staatsapparats verwirklicht werden. Der Laizismus als Herausforderung stellt sich Europa gegenüber, denn wie tiefgreifend laizistisch sollen eigentlich die europäische einheitliche Verfassung und die daraus resultierenden Gesetze sein?
Frankreich hat verfassungsgemäß 1905 das Gesetzt zur Trennung von Kirche und Staat Loi sur la séparation des églises et de l’état unter Minister Combes verabschiedet. Das Gesetzt ist bekannt als Loi Combes.
Loi Combes
Der andere Staat der EU, der sich laizistisch orientiert, ist Portugal. Alle anderen europäischen Staaten bekennen sich nicht explizit zum Laizismus aber dennoch führen mit unterschiedlicher Art und Weise die Trennung von Staat und Religion durch, und damit wird versucht die Neutralität des Staates den verschiedenen Weltanschauungen zu gewährleisten. Hier muss von einem säkularen Staat aber nicht einem laizistischen gesprochen werden, denn ein säkularer Staat hält sich von der Zugehörigkeit einer Religion fern, der laizistische Staat findet sich keiner Religion verpflichtet und allen Religionen ihrer Bürger ist neutral.
Der Laizismus in Frankreich, als Geburtsort, hat zwei Akzente, einmal wird der Laizismus als institutionelle Trennung Staat und Kirche verstanden, andermal als strenge und radikalisierte Form, ein Verbot der religiösen Aktivitäten außer im sehr privaten Umfeld. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil akzeptiert das Papsttum zwar den Laizismus und propagiert nicht mehr für eine Staatsreligion aber hat nicht den Laizismus anerkannt, da der Vatikan ein ideologisches Problem hat. Der Vatikan kann nicht auf einer Seite die geistige Autorität des Papstes an der Stelle aller weltlichen Autoritäten hervorheben, auf der anderen Seite staatliche Gewalt in allen ihren Formen akzeptieren. Der französische Laizismus ist ein Bestandteil der Staatstheorie, die Neutralität des Staates allen Religionen gegenüber, derer Gleichbehandlung und ihre Freiheit als Grundprinzipien hat, noch mehr ist der Laizismus ein Fundament der französischen Verfassung. Daraus resultiert es sich, dass die Religion weder staatliche noch öffentliche Rolle spielt. Hier ist auch zu berücksichtigen, dass 1905 gesamtes Vermögen der Kirche verstaatlicht wurde. Der französische Staat mit Ausnahme Elsass und Département Moselle erkennt die Existenz der Organisation der Kirche, aber gibt es weder Zuschüsse noch Unterstützung, nur steuerliche Begünstigungen. Beim Militär gibt es katholische, protestantische, jüdische und seit 2005 auch islamische Seelsorge. Dennoch wird die Religion als Privatsache betrachtet und daher liegt auch keine Statistik über die Glaubenszugehörigkeit in Frankreich. Aus den öffentlichen Schulen ist die Religion ganz entfernt worden, hier bildet „enseignement catholique“ die Ausnahme. In Frankreich sind jegliche Religionssymbole in der Schule untersagt: Kreuz, Turban der Sikhs, Kippa, Kopftuch oder klerikale Tracht. Dennoch werden in zwei Radiosender sonntags Gottesdienste übertragen. Seit Nicolas Sarkozy der Staatpräsident ist, versucht dieser den Laizismus neu zu definieren. Damit versucht Sarkozy den Laizismus zu instrumentalisieren, um gegen den Fundamentalismus vorzugehen. Diese Position Sarkozys ist in Frankreich sehr umstritten. In Deutschland wünschen sich die Katholiken den Laizismus zu instrumentalisieren, um gegen den Fundamentalismus vorzugehen. Diese Position Sarkozys ist in Frankreich sehr umstritten. In Deutschland wünschen sich die Katholiken den Zusammenbruch des Laizismus Frankreichs als Symbol des Scheiterns der „Grand Nation“, denn Frankreich ist nicht nur laizistisch, säkular sondern das größte katholische Land Europas.
Nach dem französischen Vorbild des Laizismus sind die Vernunft und die Werte der Revolution maßgebend und nicht der Glaube. Die strikt laizistische Praxis in Frankreich stellt die religiöse Abstinenz dar, aus diesem theoretischen Kontext haben 1989 drei Schülerinnen mit Kopftuch den Schulverweis bekommen. Der Streit um Kopftuch in der Schule ist an sich ein separates Thema, das in einem eigenständigen Beitrag untersucht werden muss.
Andere europäische Länder vertreten in ihren Staatsformen weniger laizistische Gestalt, sie sind entweder verbunden mit einer Religion, wie etwa Bayern oder Italien oder setzen auf den religiösen und kulturellen Pluralismus, wie Großbritannien.


