2) Standarisierung der Schule
Wenn wir uns mit dem Inhalt und dem Lernstoff in Schulen beschäftigen, können wir sehr schnell feststellen, dass die Zentralisierung der Verwaltung mit sich automatisch die Standardisierung des Lernens und des Lehrlevels bringt. Wäre nicht der Fall, wird die Demokratisierung des Schulwesens dasselbe Schicksal erleiden, wie bisherige Schulreformen seit über 30 Jahren in Deutschland. Das Schulwesen ist einer von wenigen Lebensbereichen, das man als ein ganzes komplexes System betrachten muss. Das Schulwesen lässt sich nicht partikular betrachten und / oder dafür partikulare Lösungen zu erfinden. Ein gutes Beispiel ist die G8-Schule. Diese angebliche Reform ist schon längst gescheitert. Eine Reform des Schulwesens kann nur in einem langatmigen Prozess und kompakt durchgeführt werden.
Die Standarisierung der Schule hat drei Aspekte: (1) Strukturell (2) Lernstoff (3) Formation
Die strukturelle Standarisierung bedeutet primär die Vereinfachung der schulischen Bildungswege und die Abschaffung der perspektivlosen Schularten. Und diese Struktur umfasst auch die vorschulischen Zeiten, wie etwa Kindergarten. Hier muss darauf hingewiesen werden, dass das Schulwesen ein Mikrokosmos bildet, kein Pädagoge kann heute behaupten, dass der Kindergarten mit der Grundschule, Grundschule mit der Sekundarschule und Sekundarschule mit der Hochschule u. ä. nicht zu tun haben. Wenn wir das Bildungswesen nicht als einen Mikrokosmos betrachten, machen wir denselben Fehler wie bis heute alle Schul- und Bildungsreformen gemeinsam haben. Diese strukturelle Standarisierung ist keine Gleichmacherei, sollte der Idee der Demokratisierung des Schulwesens diese unterstellt sein, liegt das Problem an dem Verständnis über die Demokratie.
Diese Standardisierung ist nicht nur eine belanglose politische Entscheidung, sondern ein demokratischer Akt, denn dieser Standard bezieht sich auf das Schulwesen überhaupt. Die Kinder aus der Unterschicht werden inhaltlich genauso in der Schule für ihre Zukunft befördert wie die Kids aus der Oberschicht mindestens in staatlichen Schulen. Es sind nicht wenige Talente, die zum Opfer ihrer sozialen Herkunft fallen. Wenn in einer Gesellschaft die Zukunft der Kinder durch ihre Herkunft formiert und bestimmt wird, dann kann man nicht mehr von einer Demokratie sprechen. Noch mehr wenn die Kinder in einer Gesellschaft eine schule besuchen, die ohnehin keine Perspektive darbietet, ist eine politisch wie ethische Verbrechen, die diese Gesellschaft in späteren Jahren viel human wie monetär kostet.
Ein weiterer Aspekt der Standarisierung ist der Lernstoff. Nehmen wir das Fach Mathematik an, in der Standardschule werden alle Schüler jedes Jahr zu einer höheren Stufe der mathematischen Fähigkeiten und Fertigkeiten erlangen, ob sie in Süd-, Ost-, West- oder Norddeutschland leben. Das Mathe-Buch ist ebenso standarisiert, dass alle Kinder dieses Landes denselben Lernstoff genießen dürfen. Dann könnte man regional die (Ver-)Änderungen beobachten und im staatlichen Pflichtsinn beaufsichtigen. Reell gibt es eine Mathematik und ist nicht regional oder sogar volksbezogene Wissenschaft. Gibt es vielleicht europäische Mathe, amerikanische Biologie oder russische Chemie? Wenn dies nicht der Fall ist, warum dürfen die Kinder in einer Republik gemeinsamen, gleichen und gerechten Lernstoff verinnerlichen? Der einzige Streitpunkt wäre über die geisteswissenschaftlichen Fächer, Literatur und Ethik. Im Gegenteil zu der Annahme, dass die Kinder eindimensional aufgezogen und unterrichtet werden, sollte man wissen, dass die Kinder, die diskursiv leben und sich daran gewöhnt haben, sich mit der Meinung der anderen auseinanderzusetzen, sind in der Regel „bessere Demokraten“, also schätzen sie besser und intensiver die Demokratie und Freiheit. Was wäre für einen Ethikunterricht, wenn die Kinder sich mit den ethischen Prinzipien nicht auseinandersetzen dürfen, oder was für eine Literatur soll das sein, wenn die Kinder einfach akzeptieren müssen, weil unter einem literarischen Stück der Name Goethe oder Schiller steht. Oder wir sind unserer Pflicht als Erzieher gerecht geworden, wenn wir diese diskursive Chance unseren Kindern ermöglichen.
Der dritte Aspekt der Standarisierung liegt in der Formation des Schulsystems. Das Schulsystem ist ein historisches Gebilde. In keinem anderen europäischen Land werden die Kinder so früh, also nach der vierten Klasse in der Grundschule, selektiert, wie in Deutschland. Das Schulsystem in Deutschland besteht aus Selektion und Sanktion. Im Gegenteil appelliert die Idee der Demokratisierung an Integration und würdige Akzeptanz. Die heutige Formation der Schulsysteme in Bundesrepublik ist nicht nur undemokratisch sondern widersprüchlich, denn wie kann man davon ausgehen, dass das Schulwesen allen Kindern mit unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten das allgemeine Bildungsniveau anbieten soll, wenn schon gleich in der Grundschule die Kinder selektiert werden. Die Kehrseite dieser Selektion heißt, alleine was Wissen betrifft, dass das Niveau der allgemeinen Bildung in Deutschland mit der vierten Klasse in der Grundschule erreicht sei. Solche Aussage kann man nicht ernsthaft analysieren, weil diese Aussage nicht ernst ist.
Nun wenn wir uns einigen dass die Formation nicht mehr annehmbar ist, dann müssen wir das Schulsystem so umformieren, dass alle Kinder solange dieselbe Schule besuchen, bis sie das allgemeine Bildungsniveau erreicht haben. In dieser neue Formation ist die Einrichtung der allgemeinen Mittelschule unabdingbar. Wenn wir von vergleichbaren Schulen in europäischen Ländern ausgehen, können wir von 3 bis 4 Jahre Dauer der Mittelschule sprechen.
Der Abschluss der Mittelschule wäre mit einem Alter von 13-14 Jahren, ist eher angemessen als 10 Jahre alt, denn ist alleine die Last der Entscheidung für dieses Alter mit zehn und für eine lebenslange Zukunft unhuman, beinah „kinderfeindlich“.
Nach der Mittelschule ist nun die Frage der Orientierung im Leben, der individuellen Fähigkeiten und des Lebensplans. Grundsätzlich kann man von zwei Orientierungen sprechen, entweder ist ein Schüler eher beruflich oder eher „akademisch“ orientiert.
Im vierten Schulabschnitt, nach Kindergarten, Grundschule und Mittelschule, sollen Schüler konzentriert entweder eine Berufsausbildung fortsetzen, die Schwerpunkte sind recht vielfältig, oder ihre Schule soweit bis zum Abschluss fortsetzen, dass sie nach dem sogenannten „Abitur“ in der fünften Phase mit einem Studium beginnen. Die Erfahrung hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass die Vielfalt der Schularten in Deutschland eher den Charakter des Chaos besitzt und nicht der Freiheit. Der vierte Schulabschnitt kann vier Jahre andauern. Der Abschluss der beiden Schularten ist gleichwertig nur mit unterschiedlichen Orientierungen.
Ein Schuljahr soll aus drei bis vier Perioden bestehen. Nach jeder Periode werden die Schüler benotet und nach dem erfolgreichen Abschluss in einem Jahr gelangen ins nächste Jahr bzw. nächste Stufe. Über Benotung und Leistungsbeurteilung wird in einem separaten Beitrag das Thema intensiver diskutiert.
